Im Land der Feenfelsen

Kappadokien, das klingt nach aufregender Fremde, nach Sonne, Wind und Felsen. Vor drei Jahren etwa habe ich zum ersten Mal Bilder von diesem Landstrich gesehen, und seitdem wollte ich unbedingt dort hin. Weil die Felsen so bizarr und mannigfaltig und wunderlich sind, weil es weite Wüsten und steile Schluchten gibt und die Landschaft einfach so unfassbar ist. Und weil ich das, was vom Amateur bis zum Profi-Travelblogger jeder Kappadokien-Reisende ablichtet, mal mit eigenen Augen sehen wollte: all diese Heißluftballons im Sonnenaufgang über eben dieser Landschaft. Eigentlich wollte ich mit Jan hin, doch der hatte nur wenig Zeit und entschied sich für Kabak – und so war ich froh, als Katie aus meinem Türkischkurs spontan sagte: „You wanna go to Cappadocia? I‘ll come with you!“

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Katie war schon einmal dort, und der Ort hatte sie so verzaubert, dass sie noch mal hin wollte. Wir hatten beide das Gefühl, dass wir einander gute Reise-Kompagnons wären – Katie fotografiert genauso gern wie ich (ihre Blogeinträge mit träumerischen Analogbildern zu unserem Kappadokien-Abenteuer findet ihr hier und hier), und auch sie entdeckt einen Landstrich lieber auf eigene Faust, statt sich einer Touri-Gruppe anzuschließen. Viele Pläne machten wir nicht – wir malten uns nur die Ballonfahrt in den buntesten Farben aus. Da wussten wir noch nicht, dass alles ganz anders kommen würde.

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Unmittelbar vor meiner letzten Woche in Istanbul ging es los. Wir flogen nach Kayseri und fuhren von dort nach Üçhisar, wo wir im traumhaft gelegenen und auch sonst ganz großartigen Hotel Taşkonaklar abstiegen. Üçhisar liegt auf dem höchsten Hügel Kappadokiens, der Ausblick ist fantastisch.

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Der Blick vom Hotel aus.

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Am ersten Tag entschieden wir uns dazu, zu Fuß in die bekannteste Stadt Kappadokiens, Göreme, zu wandern – durchs Pigeon Valley. Das Tal hat seinen Namen von den vielen Tauben, die die Löcher in den Felswänden als Höhlen nutzen. Den Bauern der Gegend ist das nur recht, denn die Hinterlassenschaften der Tiere geben einen guten Dünger ab.

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Neben Taubenlöchern, Schluchten und hohen Felswänden konnten wir im Pigeon Valley auch die ersten ausgehöhlten Felsen bestaunen, die früher oft als Gräber dienten. Wir liefen und liefen und ließen die fremd-schöne Landschaft mit ihren grünen Oasen und den wüstenhaften Passagen auf uns wirken.
Bis es nicht mehr weiter ging.

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Plötzlich war da ein Abgrund. Der Ausblick war fantastisch, aber ein Weg nach unten war nicht in Sicht. Und während ich im Urlaub eigentlich immer für Kletter-Abenteuer zu haben bin, war ich diesmal diejenige, die Vorsicht walten ließ und Katie davon überzeugte, doch lieber umzukehren. Dass das im Interesse unseres Überlebens keine schlechte Entscheidung war, zeigte dann der Blick, den wir zwei Stunden später von der anderen Seite aus auf die steile Felswand werfen konnten.

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Das Ende des Weges.
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Die Felswand von der anderen Seite.

Wir waren also zum ersten Mal “lost in Cappadocia”. Doch wie auch bei den folgenden Malen kam uns ein freundlicher Kappadokier (sagt man das so?) zu Hilfe. Mitten im Nirgendwo saßen zwei betagte Männlein unter einem Bäumchen und versuchten, uns den Weg zu erklären. Weil unser Türkisch dafür dann aber doch nicht reichte, schritt einer von ihnen kurzerhand voraus – und lief und lief und lief… Katie und ich hatten alle Mühe, mit dem Alten Schritt zu halten. Als er uns zutraute, dass wir uns von nun an wieder selbst zurechtfinden würden, verabschiedete er sich – und bekam Zigarettengeld zum Dank.

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Zurück auf dem rechten Pfad stießen wir schon bald auf einen kleinen Imbiss. Mitten im Tal bieten ein alter Mann und sein mittelalter Sohn Wanderern Erfrischungen und ein paar einfache Mahlzeiten an. Wir wollten uns eigentlich nur Orangensaft und Cola gönnen, doch die beiden hatten sich gerade ihr Mittagessen zubereitet und luden uns ein. Weil ein Nein äußerst unhöflich gewesen wäre (und das Essen auch ziemlich verführerisch duftete), saßen wir kurz darauf zu viert am Tisch und versuchten, uns auf Türkisch zu unterhalten. Es war einer dieser Momente, die beispielhaft für meine Erfahrungen in der Türkei sind: Nach einem kleinen Umweg und unvorhergesehenen Komplikationen sitze ich mit Menschen zusammen, die mir bis eben noch völlig fremd waren, die weder meine Sprache sprechen noch in meinem Alter sind noch sonst irgendwelche Gemeinsamkeiten mit mir haben. Die aber völlig unvoreingenommen, großzügig, entspannt und freundlich sind. Es sind nie die Museen, in denen ich auf Reisen am meisten lerne. Es sind Momente wie diese.

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Am Tag darauf machten wir wieder eine ähnliche Erfahrung: Wir wollten das Tal der Rosen auf eigene Faust erkunden, hatten es diesmal aber schon nach zehn Minuten geschafft, uns zu verlaufen. Eigentlich hieß es, die Wanderwege dort seien markiert, tatsächlich aber sind viele Schilder spurlos verschwunden. Nicht nur in Sachen öffentlicher Nahverkehr hat Kappadokien also seine Tücken – Touristen, die keine Lust auf unangenehme Überraschungen und Umstände haben, sind auf geführte Touren angewiesen.

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Wir hatten aber auch diesmal Glück: Bald schon trafen wir auf eine Familie, die ebenfalls ins Rosental wollte und anbot, uns den Weg zu zeigen.

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Ezgi und ihre Eltern waren so außerordentlich herzlich und hilfsbereit, dass Katie und ich ganz von den Socken waren. Wir tranken Kaffee aus ihrer Thermoskanne, bekamen was von ihren Sandwichs und ihren Trauben ab und ließen uns in beeindruckende, in Felsen gehauene Kirchen und durch farbenfrohe Gesteinslandschaften führen. Auch von den berühmten Feenkaminen (peri bacalari) mit ihren Tufttürmen entdeckten wir dank unserer Guides viele.

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Eine Felsenkirche von innen…
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…und von außen.

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Und noch eine Kirche.

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Ein kappadokischer Wüstenfriedhof.

Dem Familienvater waren wir mit unserer ganzen Fotografiererei wohl ein bisschen zu lahm. Er lief voraus – und als wir dann im nächsten Ort ankamen, wartete er bereits auf uns – ziemlich weit oben.

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Wer findet den Papa?

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Die Feenkamine.
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Ja. ich weiß.

Am Ende eines langen Tages fuhr uns unsere Pflegefamilie sogar noch nach Göreme. Wir waren so dankbar und gerührt, dass wir noch ganz beseelt waren, als wir am Abend vom Aussichtspunkt in Göreme aus der Sonne beim Untergehen über Kappadokien zusahen.

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An Tag drei erkundeten wir Paşabağ, das Tal der Mönche. Während wir im Rosental kaum jemandem begegneten, waren hier ganze Busladungen voller Touris unterwegs. Ohne große Worte bestiegen wir die Felsrücken und entfernten uns immer weiter vom Trubel, bis wir irgendwann auch in Paşabağ das Gefühl hatten, in einer wilden Mondlandschaft gelandet zu sein.

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Wir kletterten, staunten und machten von all den Kameras Gebrauch, die wir im Gepäck hatten. Wie schön, mit jemandem unterwegs zu sein, der genauso viel Spaß am Fotografieren hat!

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Himmel, öffne dich!

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Schließlich besuchten wir noch das Freiluftmuseum von Göreme. Die Anzahl der Kirchen (mit oft sehr gut erhaltenen oder restaurierten Fresken) dort ist beeindruckend, allerdings mussten wir uns durch solche Menschenmassen schieben, dass wir schon bald genug hatten. Wie auch in der Blauen Moschee empfinde ich diesen Massentourismus als so nervig, dass es mir schwerfällt, die Schönheit des Ortes auf mich wirken zu lassen. Dann lieber verlassene Wüstenweiten, in denen man sich verlieren kann!

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Und wie war das nun mit den Heißluftballons? Wo sind die Luftbilder vom Sonnenaufgang über den Feenkaminen und anderen Gesteinsspäßen?

Also: Es gibt keine. In der ersten kappadokischen Nacht wurden Katie und ich gegen vier abgeholt und zum Ballon-Abflugfeld gefahren, nur um bald darauf wieder umzukehren. Das Wetter war schuld: zu starker Wind. Für den folgenden Morgen bekamen wir dann keinen Platz mehr, obwohl Jo von unserem Hotel sich einen Ast für uns abtelefoniert hat. Wir beschlossen, das Beste daraus zu machen, und standen wieder furchtbar früh auf, um zum Schloss von Üchisar hinaufzusteigen. Von dort oben sieht es bestimmt fantastisch aus, wenn die Heißluftballons in den morgenroten Himmel steigen. Dachten wir uns. Was wir dann gesehen haben: Nichts. Keine Morgenröte, keine Ballons, kein Sonnenaufgang. Dank einer dicken Wolkensuppe wich das Nachtschwarz nur einem schalen Tages-Blaugrau, und dank der Windverhältnisse blieben die Ballons auch an diesem Tag auf dem Boden.

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Es wäre gelogen, zu sagen, dass wir nicht ein bisschen frustriert waren. Aber das ging zum Glück bald vorbei. Mit dem üblichen Kappadokien-Erlebnis hatten unsere Wander-Abenteuer wahrscheinlich nicht viel gemeinsam. Dafür war es ein Trip mit vielen schönen Umwegen durch fantastische Landschaften, glücklichen Zufällen und warmherzigen Menschen. Könnten wir ihn wiederholen, ich würde ihn genauso noch einmal erleben wollen.

Und irgendwann komm ich dann noch mal zurück zu dir, Kappadokien, und flieg mit ‘nem großen Ballon über dich und deine Feenkamine.

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